Warum "Männer sind noch nicht einsam genug" vorerst richtig ist und nicht nur Männer gemeint sind
Ich bin Anne und auch ich sage immer häufiger einen Satz, der Männer triggert: „Männer sind noch nicht einsam genug.“ Ich sage das nicht, weil ich Männer hasse, so einige mag ich sehr, ein paar hab ich geliebt, deswegen möchte ich hier mal erklären warum ich diese Aussage für richtig und sogar wichtig für die gesellschaftliche Entwicklung halte. Der Text ist zu keinem Zeitpunkt ausschließlich nur auf Menschen, die männlich gelesen werden zu beziehen.
Version 1.1 überarbeitet wegen des Geschlechterbezugs
Warum klagen, wenn man es gar nicht versucht?
Ich erlebe immer wieder: Leute, die über Einsamkeit klagen, aber anderen nicht zuhören. Menschen, die "mansplainen", wie das in der Partnerschaft gewünschte Geschlecht „funktioniert“. Personen, die das gewünschte Geschlecht schlechtmachen, wenn sie keine Beziehung bekommen. Und das Schlimmste? Selbst die „netten“ Leute tun das oft. Die, die sagen: „Ich bin doch so nett, warum will mich niemand?“ Als ob Nettsein ein automatisches Recht auf Verlieben wäre. Als ob Menschen austauschbare Wesen wären, die zufrieden sein müssten, von jemand "nettem" auserkoren zu werden. Nein. So funktioniert das nicht.
Am Beispiel von Pete lässt sich wunderbar erklären, warum Leute angeblich so auf „Arschlöcher“ abfahren. Pete ist nicht der sympathischste Typ, recht egoistisch und berechnend. Aber er hat eine Eigenschaft, die ihn bei beliebt macht (auch bei mir): Er fragt. Teilweise sogar aus Strategie, weil er weiß wie gut das wirkt, aber auch weil er wirklich etwas über dich wissen will. Er fragt das, was ihn interessiert. Und das ist selten. Zu selten. Denn Menschen (übrigens egal welches Geschlecht, Alter, sexuelle Orientierung) stehen auf Resonanz. Wir wollen gesehen, gehört, verstanden werden. Wer das auch nur ein bisschen tut, sticht heraus. Nicht weil er ein Arschloch ist, sondern weil er Interesse zeigt, aber manchmal obwohl er ein Arschloch ist. Gibt es auch mit umgekehrten Geschlechterrollen und bei gleichgeschlechtlichen Begegnungen, logischerweise.
Selbstwirksamkeit vs. Ohnmacht und die radikale Akzeptanz
Ich bin oft ein Mensch, dem gemansplaint wird. Jemand, der sich anstrengen muss, um ernst genommen zu werden. Selbst in der Kernkompetenz jedes Menschen, des eigenen Lebens. Ich bin es leid, dass mir Leute erklären, wie mein eigenes Leben funktioniert, als wäre ich zu dumm, um meine eigenen Erfahrungen zu deuten.
Ich war immer arm, ich war in der Psychiatrie, ich habe Scheitern erlebt: Freundschaften, Beruf, Studium, Beziehungen, bisher bin ich an allem gescheitert, was ich versuchte. Aber ich habe auch gelernt: Meine (zumindest empfundene) Selbstwirksamkeit ist das, was mich weiter machen lies, Ohnmacht ist deren Feind. Und ich sehe, wie viele diese Ohnmacht selbst aufrechterhalten, indem sie dem gewünschten Geschlecht die alleinige Schuld an der eigenen Einsamkeit geben.
Wer sich als Spielball der Wellen darstellt und ich erlebe das oft, wenn jemand von seinem Leben erzählt, klingt, als wäre er Opfer der Umstände, der Gesellschaft, des Systems, der oder des Ex. Diese Erzählungen klingen unzufrieden, manchmal sind Leute tatsächlich Opfer geworden, im strafrechtlichen Sinne.
Ich habe in meinem Leben viel gelernt, leider auch mit so was umzugehen. Einer meiner Lieblings-Skills, den ich früh in der Verhaltenstherapie gelernt habe, ist radikale Akzeptanz (das hat nichts mit den möglicherweise nötigen rechtlichen Schritten zu tun). Ich kann mich hinstellen und völlig zu Recht sagen: „Das Leben hat mich scheiße behandelt. Das war tierisch ungerecht. Das hat mich kaputt gemacht.“ Und im nächsten Atemzug genauso zu Recht: „Und ich akzeptiere, dass es so ist. Und ich akzeptiere meine gerechtfertigte Wut darüber. Und heute handle ich so, dass ich heute gut klarkomme.“ Die beste Rache ist ein zufriedenes Leben.
Ich war immer Kapitän und Steuermann gleichzeitig auf dem Schiff meines Lebens. Die Politik, die Gesellschaft, das System, die Menschen in meinem Umfeld, die waren der Wind und das Meer. Ich konnte leck gehen, sinken, auf ein Riff laufen, Land finden, verloren gehen, heimfinden, in die Ferne reisen, dümpeln, kreuzen, Fahrt aufnehmen. Mit Rückenwind, mit Gegenwind, mit Flaute, aber immer MEIN Schiff, MEINE Entscheidung wie ich auf Wind und Meer reagiere. Das ist meine Formel für Zufriedenheit. Nicht für Glück, nicht für überschäumende Tollheit. Das Leben ist die meiste Zeit kacke, wenn man mal ehrlich ist. Aber solange ich entscheide was der Kurs ist, fühlt es sich richtig an.
Die Friendzone und die Fragen
Warum sollte man Angst vor der „Friendzone“ haben, wenn man einfach einen Menschen kennenlernen will? Warum glauben Leute, die sehr gern eine Partnerperson hätten, lieber an verrückte Strategien wie Looksmaxxing, statt das gewünschte Geschlecht zu fragen, was sie attraktiv finden? Warum folgen sie seltsamen Alpha-Coaches, statt sich um Therapie zu kümmern, oder selbst zu versuchen, ihr Leben und ihre Psyche auf die Reihe zu bekommen? Warum erklären selbst selbsternannte „nette“ Leute anderen, die sich über Attraktivität äußern, lieber, dass sie natürlich insgeheim was ganz anderes wollen, als diese Aussage schlicht als Datenpunkt abzulegen? Warum lehnen manche den Feminismus ab, anstatt zu begreifen, dass er sie aus der Versorgerrolle befreien und ihnen die Erlaubnis geben könnte, auch mal schwach zu sein?
Fragt Menschen des Geschlechts, das ihr kennenlernen wollt
Ja, Feminismus treibt einen Keil rein, einen anscheinend leider nötigen Keil. Denn solange wir uns nicht als vollwertige Menschen sehen, wird sich nichts ändern. Ich habe keine Lust mehr, das mitanzusehen. Ich habe keine Lust mehr, zuzuhören, wie Leute über Einsamkeit jammern und im nächsten Satz das gewünschte Geschlecht abwerten. Du bist erst dann einsam genug, wenn du ganz persönlich begreifst, warum du einsam bist. Bis dahin: Höre dem gewünschten Geschlecht zu.
Ich habe in anderen Themen lange gebraucht, um das zu verstehen. Ich habe gelernt: Wenn du leidest, musst du etwas ändern. Nicht die Gesellschaft, die kannst du nur indirekt beeinflussen, sondern dich. Wenn das Leid groß genug ist, wirst du handeln oder Hilfe suchen. Und der erste Schritt, wenn man sich eine Beziehung wünscht ist, das gewünschte Geschlecht als Menschen zu sehen. Nicht als Objekte, nicht als Projektionsflächen, nicht als „unverständliche Wesen“.
Warum also nun "nicht einsam genug"?
Und jetzt kommt der schwierige Teil. Denn ich sehe, wie viele Personen genau das nicht tun. Sie warten darauf, dass sich die Gesellschaft ändert. Dass die anderen plötzlich „vernünftig“ werden. Dass das Dating-Leben einfacher wird. Aber die gesellschaftliche Veränderung, die sie vielleicht anstreben, die wird nicht so schnell passieren, vielleicht auch nie. Also: Was könnt ihr ändern, damit es euch selbst jetzt besser geht?
- Der erste Schritt: Hört auf, anderen zu erklären, was sie eigentlich wollen. Fragt sie. Und hört zu.
- Der zweite Schritt: Akzeptiert, dass ihr nicht jeden Menschen anziehen werdet und dass das okay ist und dass das sogar unfair sein kann. Akzeptiert eure Wut darüber.
- Der dritte Schritt: Arbeitet daran, allein klarzukommen. Sucht euch Hobbys, Projekte, Ehrenämter. Engagiert euch. Schreibt, lest, handwerkt, malt, die Liste kann unendlich sein. Sucht Sozialkontakte außerhalb von Beziehungen. Entwickelt eine gewisse Selbsttragfähigkeit. Denn wenn ihr nicht damit klarkommt, allein zu sein, dann wird euer Glück immer von einer romantischen Beziehung abhängen.
Und wenn ihr dann immer noch sagt: „Mit dem gewünschten Geschlecht heutzutage kann man nichts mehr anfangen, die sind alle verdorben“, dann die üblichen Tipps in einer Demokratie: Wenn ihr gesellschaftlich was ändern wollt, dann gründet eine Partei, tretet einer bei, macht Petitionen, schreibt auf Social Media für euer Ziel, engagiert euch politisch. Aber wenn ihr eure persönliche Situation ändern wollt, dann müsst ihr überlegen: „Die Leute heutzutage sind anders, als ich sie möchte. Also deshalb bekomme ich sie nicht. Aber ich möchte trotzdem eine Beziehung. Was kann ich jetzt ändern, damit es mir selbst heute besser geht?“
Fazit:
Ihr seid noch nicht einsam genug. Nicht, weil ich euch bestrafen will. Sondern weil ich hoffe, dass ihr irgendwann versteht, was ich meine. Dass ihr begreift, warum ihr einsam seid. Dass ihr aufhört, das gewünschte Geschlecht zu ignorieren, wenn sie euch etwas über sich selbst erzählen. Dass ihr lernt, Selbstwirksamkeit zu entwickeln, für euch selbst.
Nun, ich bin 44. Es kann sein, das ich nicht mehr erlebe, das dieser Satz unnötig wird, aber ich höre nicht auf, es zu sagen. Denn solange die überwiegende Mehrheit es nicht verstanden hat, bleibt die Überschrift korrekt, egal ob man es auf ein Geschlecht bezieht.
Der Anfang des Textes ist eine anstrengende Sammlung an Schubladendenken und Pseudoargumenten. Für mich bleibt dann übrig, dass bewusst Leute getriggert werden, ohne sich damit auseinanderzusetzen, was bei den vielen Nicht-Schubladen wohl der Grund ist. Die Uneinsicht auch am Ende zeigt die nicht vorhandene Reflexionsbereitschaft.
ich hab es schnell überarbeitet, gehe aber nachher noch mal mit mehr Muse ran.